7. Juni 2007
von Thomas Will
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Tag 23: 2.671 Kilometer – Wir sind Palermo

Die Geschichte unseres letzten Fahrradtages beginnt schon am Vorabend. Gerhard unser Busfahrer wir immer mutiger. Jetzt steuert er unser treues Gespann schon mitten in mittelalterliche Bergdörfer, mit engen Kurven und steilen Kopfsteinpflastergassen – in Caltavuturo bis vor unser abendliches Restaurante „al Peccatore“. Wer immer einmal hierher kommen sollte, für den lohnt sich nicht nur der kleine Hunger. Herrlich die Fischpasta, butterzart das Lamm und ein Traum die Torte zum Dessert. Ganz ungewohnte Seiten erkennen wir auch bei unserem „Doc“, der die Pausen zwischen den Gängen zu ganz eigenen Gedanken über die Euroradler nutzt. Aber zurück zu Gerhard und unserem Bus. Am heutigen Morgen schauten wir uns erst einmal an, wie wir von „mitten im Ort“ wieder auf die Hauptstraße kommen konnten. Alle hatten wir gute Ratschläge, aber es waren Gerhard und besonders Bernd, der als „Aushilfsbusrangierer“ eine herausragende Figur abgab, die unser Gespann sicher „nach unten“ brachten. Das Gefälle hatte immerhin bis zu 24%. Wir Radler machten uns mit auf dem Weg aus der verträumten Mittelgebirgslandschaft in das pulsierende Palermo. Noch konnten wir knapp 40 Kilometer genießen: machten unseren obligatorischen „Obststopp“ in Cerda, ließen uns von einem netten Sizilianer, der Rüsselsheim und Groß-Gerau kennt, erklären wo man Wein kaufen kann – und dann waren wir auch schon in Termini Imerese. Jetzt waren sie wieder da: die Autos und die Hupen. Vor uns standen 40 Kilometer Küstenstraße. Bahnlinie, Autobahn und Staatsstraße dicht nebeneinander, Chemieindustrie direkt am Meer – für Radfahrer gibt es schönere Momente. In Santa Flavia „schnell ein Stück Pizza“ und dann hatten wir es kurz nach 14 Uhr geschafft: wir waren am Ziel in Palermo. Die Ankunft war weniger spektakulär als auf dem Ätna, dafür um so lauter. Wir schossen unser Abschlussbild in der City – alle in den grünen Trikots, nur ich durfte in dem rosa Trikot des Giroführenden fahren, und waren wenige Minuten später am Hotel. Es folgte die „übliche Hektik“ beim verpacken der Fahrräder und dann konnten wir sie nach 23. Tagen endgültig ausziehen: unsere Trikots und Radlerhosen. Jetzt sind wir mindestens drei Tage in „zivil“. Duschen, ausruhen, lesen, eine Tasse Kaffee in der Stadt, schnell ein Gang zum Friseur oder ein Telefonat mit zu Hause. Die Zeit bis zum Abendessen nutzte jeder Euroradler für sich. Bischofsheim – Palermo, das waren nicht nur 23 Tage und 2.671 Kilometer, das waren auch 25.577 Höhenmeter und viele kleine Geschichten. Manche finden sich in diesem Tagebuch, manche werden in den kommenden Wochen bei den Ausrolltouren erzählt werden, manche behalten wir aber auch einfach für uns.

6. Juni 2007
von Thomas Will
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Tag 22: Von Kunstradfahrern, Unfällen, Fehlfahrten und ganz viel Gastfreundschaft


Eigentlich begann der Tag ganz „normal“. Ein gutes Frühstück in Enna, in einem Hotel, das „drinnen“ viel mehr hält, als es „draußen“ verspricht. Gleich nach der steilen Abfahrt aus der „normannischen“ Stadt steigt die Straße wieder an – Richtung Calascibetta. Wir haben gerade so richtig Tritt gefunden, das klingelt das Handy. Keine Geburtstagsgrüße – Jürgen unser Besenmann ist dran. An der Kreuzung hat ein PKW unseren „Doc“ angefahren. Passiert ist ihm – Gott sei Dank – (außer einem gehörigen Schreck) nicht, nur sein Fahrrad ist nicht mehr einsetzbar. Also müssen beide – Rad und „Doc“ (diesmal unfreiwillig) in den Bus. Wo bleiben aber Horst, Stephan und Harald? Sie sind falsch abgebogen, haben freiwillig ein paar Höhenmeter mehr gefahren und kommen mit leichter Verspätung zu unserem ersten Treffpunkt, gerade einmal sieben Kilometer vom Hotel entfernt. Mittlerweile sind 1 ½ Stunden vergangen und jetzt geht die Tagesetappe erneut los. Wir radeln mitten in Sizilien. Es geht auf und ab, hier 300 Meter nach „oben“, dort 200 Meter nach „unten“. Zwischendrin eine kleine Obstpause, der fahrende Händler freut sich uns an diesem Tag noch ein paar Mal zu sehen. Weiter bergan führt uns die Tagesetappe bis nach Petralia. Wir warten ein wenig länger auf unsere Pasta, dafür ist der Wirt total nett und erzählt, dass er früher in Ulm war und jetzt unsere Touren im Internet verfolgen will. Unsere Busbesatzung schlemmt nur ein paar Kilometer entfernt „fürstlich“. Am sonnigen Nachmittag führt uns der Weg weiter entlang des „La Madonie“, der höchsten Erhebung des Küstengebirges, nach Nordwesten. Kleine Bergdörfer wechseln sich mit pastellfarbenen Landschaftsbildern ab, bis wir Calavuturo erreichen. Eigentlich nur als „Zwischenübernachtung“ vor Palermo geplant, entpuppt sich der Ort als richtig nettes Städtchen. Nach und nach treffen wir uns am Eiscafe, schnell sind Jugendliche und Kinder um uns; einer zeigt seine Kunststücke auf dem Rad – und dann erfahren wir, dass wir in zwei getrennten Häusern untergebracht sind. Das „Raggio di Sole“ entpuppt sich als richtig nettes B&B. Wir bekommen zur Begrüßung von Gisella frischen Kaffee und Mineralwasser, sie bietet uns Gepäcktransfer und die abendliche Autofahrt ins Restaurant in der Stadt an (wir lehnen dankend ab und freuen uns auf einen kleinen Spaziergang) und informiert uns über die Sehenswürdigkeiten der Region. Also: wer eine Rundreise durch Sizilien plant und die Insel – abseits von Taormina oder Palermo kennen lernen will, der ist hier genau richtig..

5. Juni 2007
von Thomas Will
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Tag 21: Sonne über Enna

Wir nehmen Abschied vom Ätna. Mit einem guten Frühstück – nach zwei Tagen haben wir auch gelernt die Kaffeeautomaten zu bedienen – stärken wir uns für die Abfahrt. Wir nehmen nicht die Hauptstraße, sondern einen ausgebauten Forstweg an der Ostflanke des Bergmassivs. Alle wissen es – nur Bernd nicht. Der ist von der Abfahrt auf der Hauptstraße so begeistert, dass er einfach weiter „rollt“. Pfeifen, rufen, schreien – alles nutzt nicht. Während wir uns noch überlegen, ob wir uns aufregen oder telefonieren sollen, kommt er keuchend den Berg wieder hochgefahren. Diese Höhenmeter zählen aber nicht mit. Und ab geht es. Vorbei an Casa Milla, hinunter nach Adrano. Gleich nach der kleinen pulsierenden Stadt haben wir 1.700 Höhenmeter verloren – und ein ganz anderes Klima. Jacken aus, Hosen aus, Überschuhe weg – jetzt können wir wieder mit kurzer Hose und Trikot fahren. Da stört auch ein kleiner Regenschauer nicht. Wir genießen die typisch sizilianische Landschaft und die herrlichen Farben. Ein Unfall aus der SS 121 – ein Lastwagen und drei kleine PKWs sind involviert – macht uns schnell wieder klar, welchen Gefahren auch wir ausgesetzt sind. Bei unserer Mittagsrast mit viel Pasta und selbstgebackenen Kuchenteilchen (zu denen der Wirt uns einlädt) in Ariga verschwinden diese trüben Gedanken aber wieder. Wir rollen hinunter nach Pirato und machen uns kurz vor 16 Uhr auf zum Anstieg nach Enna. 600 Höhenmeter sind zu überwinden. Das geht ganz gut. Der Verkehr hält sich in Grenzen, die Steigungsprozente sind erträglich und die Ausblicke hinter jeder Kurve neu. Dazu lacht die Sonne vom Himmel. Um wie immer gemeinsam zum Hotel zu fahren warten unsere „Bergspezialisten“ am Cafe „Italia“. Nach und nach gönnen sich die Ankommenden ein Eis. Wir treffen Gerhard und die Busbesatzung, denen sich heute unser „Doc“ angeschlossen hat und machen uns auf den Weg ins Hotel. Vor dem Abendessen bleibt noch ein wenig Zeit für den „Mittelpunkt Siziliens“.
Übrigens: bis zum heutigen Abend sind wir bereits 2.495 Kilometer gefahren und haben 23.537 Höhenmeter bewältigt.